Parlamentarisches Frühstück - Kunststoffe im parlamentarischen Dialog: Wissenschaftliche Perspektiven auf Recycling
Schirmherr Michael Thews, MdB, eröffnet das parlamentarische Frühstück. ©Helmholtz-Forum Erde und Umwelt/Jan Pauls
Marie Heidenreich, Helmholtz-Forum Erde und Umwelt, und Michael Thews, MdB, im Gespräch. ©Helmholtz Forum Erde und Umwelt/Jan Pauls
Prof. Dr. Nick Wierckx vom Forschungszentrum Jülich sprach zu „Plastik im Wandel: Vom Abfall zur Ressource“. ©Helmholtz-Forum Erde und Umwelt/Jan Pauls
Paula Roos vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ) hielt einen Impuls zum Thema „Kunststoffe in der Umwelt: Vom Material zu ungelösten Herausforderungen“. ©Helmholtz-Forum Erde und Umwelt/Jan Pauls
Dr. Paul Einhäupl vom Forschungsinstitut für Nachhaltigkeit (RIFS) am GFZ sprach unter dem Titel „Vernetzte Chancen und Risiken: Hin zu einer integrierten Plastikregulierung. ©Helmholtz-Forum Erde und Umwelt/Jan Pauls
Teilnehmende im Gespräch. ©Helmholtz-Forum Erde und Umwelt/Jan Pauls
Am 09. Juni 2026 kamen 32 Teilnehmende aus Wissenschaft, Politik, Verwaltung, Zivilgesellschaft und Wirtschaft in der Deutschen Parlamentarischen Gesellschaft zusammen, darunter Bundestagsabgeordnete der Fraktionen CDU/CSU, SPD und Bündis 90/Die Grünen. Im Mittelpunkt standen wissenschaftliche Perspektiven auf Recycling, Mehrweg und Kreislaufwirtschaft am Beispiel von Kunststoffen. Besonderes Augenmerk lag auf der Frage, wie Kunststoffabfälle stärker als Ressource genutzt, Mehrwegsysteme ausgebaut und politische Rahmenbedingungen so gestaltet werden können, dass Kunststoffe möglichst lange und sicher im Kreislauf geführt werden.
Die Bundesregierung hat mit der Nationalen Kreislaufwirtschaftsstrategie (NKWS) einen Rahmen vorgelegt, um den Verbrauch primärer Rohstoffe zu reduzieren, Stoffkreisläufe zu schließen und die Wettbewerbsfähigkeit sowie Resilienz der deutschen Wirtschaft zu stärken. Mit dem Aktionsprogramm zur Umsetzung der NKWS wurden kurzfristig realisierbare Maßnahmen benannt, die bis Ende 2027 umgesetzt werden sollen. Kunststoffe spielen dabei eine zentrale Rolle, unter anderem mit Blick auf Produktverantwortung, Verpackungsrecht und den Einsatz von Kunststoffrezyklaten.
Deutschland steht vor der Herausforderung, Kunststoffabfälle zu reduzieren, Recycling- und Mehrwegsysteme zu stärken und Kunststoffeinträge in Umwelt und Ökosysteme zu begrenzen. Vor diesem Hintergrund lud das Helmholtz-Forum Erde und Umwelt am 09. Juni 2026 zu einem parlamentarischen Frühstück in die Deutsche Parlamentarische Gesellschaft ein. Die Schirmherrschaft der Veranstaltung übernahmen Michael Thews, MdB, Stellvertretender Vorsitzender des Ausschusses für Umwelt, Klimaschutz, Naturschutz und nukleare Sicherheit und Berichterstatter der SPD-Fraktion für Kreislaufwirtschaft und Ressourcenschutz, sowie Marja-Liisa Völlers, MdB, Vizepräsidentin der Deutschen Parlamentarischen Gesellschaft.
Zu Beginn begrüßte Marie Heidenreich vom Helmholtz-Forum Erde und Umwelt die Teilnehmenden und führte in die Veranstaltung ein. Dabei verwies sie auf das SPHERE-Projekt des Helmholtz-Forums Erde und Umwelt, in dessen Rahmen der begleitende Policy Brief „Kunststoffpolitik für eine Kreislaufwirtschaft: Prioritäten entlang des Lebenszyklus setzen“ entstanden ist. Der Policy Brief baut auf dem Austausch mit Stakeholdern aus Industrie, Behörden, Wissenschaft und Zivilgesellschaft auf und zeigt auf, dass Kunststoffpolitik entlang des gesamten Lebenszyklus ansetzen muss, von Vermeidung, Produktdesign und Materialwahl über Wiederverwendung bis hin zu Recycling. Ziel des parlamentarischen Frühstücks war es, wissenschaftliche Perspektiven auf Recycling, Mehrweg und Kreislaufwirtschaft in den Dialog mit politischen Entscheidungsprozessen einzubringen.
Anschließend sprach Michael Thews, MdB, als Schirmherr der Veranstaltung. Er verwies auf die aktuellen politischen Entwicklungen in der Kreislaufwirtschaft, darunter das Verpackungsrecht und die Umsetzung europäischer Vorgaben. Dabei hob er hervor, dass Politik verlässliche und praktikable Rahmenbedingungen schaffen müsse, damit Forschung, Wirtschaft und Umsetzung besser zusammenfinden.
Drei Impulsvorträge bildeten die Grundlage für den anschließenden Austausch:
- Prof. Dr. Nick Wierckx vom Forschungszentrum Jülich sprach unter dem Titel „Plastik im Wandel: Vom Abfall zur Ressource“. Er hob hervor, dass Deutschland über gute Voraussetzungen verfüge, Kunststoffabfälle stärker als Ressource zu nutzen: ein funktionierendes Sammelsystem, industrielle Kompetenz, Forschung und Regulierungserfahrung. Zugleich betonte Wierckx: „Wir können uns aus dem Problem nicht einfach herausrecyceln.“ Recycling sei wichtig, müsse aber in eine echte Kreislaufwirtschaft eingebettet sein. Dabei gelte die Reihenfolge: Vermeidung zuerst, dann Wiederverwendung und schließlich Recycling.
- Paula Roos vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung – UFZ hielt einen Impuls zum Thema „Kunststoffe in der Umwelt: Vom Material zu ungelösten Herausforderungen“. Sie richtete den Blick auf ökologische und gesundheitliche Risiken von Kunststoffen und beschrieb Kunststoffe als eine Art Bumerang: Mit wirtschaftlichem Nutzen und gesellschaftlichem Fortschritt in Umlauf gebracht, kehrten sie allzu oft in unkontrollierter Form und mit potenziellen Risiken zurück. Ihre zentrale Botschaft lautete, dass es nicht unbedingt mehr Regulierung brauche, sondern einen strategisch besseren Ansatz entlang des gesamten Lebenszyklus.
- Dr. Paul Einhäupl vom Forschungsinstitut für Nachhaltigkeit (RIFS) am GFZ sprach unter dem Titel „Vernetzte Chancen und Risiken: Hin zu einer integrierten Plastikregulierung“. Am Beispiel von PET-Flaschen zeigte er, dass Kreislaufwirtschaft in Deutschland funktionieren kann, wenn klare Regeln, Rückführungswege, industrielle Kompetenz und einheitliche Stoffströme zusammenkommen. Zugleich machte er deutlich, dass sich diese Logik auf komplexere Kunststoffströme übertragen lassen müsse. Einhäupl stellte die Kreislaufhierarchie vor: zuerst Vermeidung, dann Wiederverwendung, danach Wiederherstellung und schließlich Wiederverwertung.
Im Anschluss entwickelte sich ein lebhafter Austausch zwischen Bundestagsabgeordneten, Mitarbeitenden des Bundestags, den Vortragenden sowie Vertreterinnen und Vertretern aus Verwaltung, Zivilgesellschaft und Wirtschaft. Zentrale Themen waren die Umsetzung der Nationalen Kreislaufwirtschaftsstrategie, die Weiterentwicklung des Verpackungsrechts, regulatorische Komplexität, Mehrwegstrukturen sowie die Frage, wie wissenschaftliche Erkenntnisse schneller in die praktische und politische Umsetzung gelangen können.
Michael Thews, MdB, hob hervor, dass Umweltgesetzgebung systematisch angegangen und zugleich für Unternehmen umsetzbar bleiben müsse. Forschung könne hier wichtige Orientierung geben: „Ich fände es toll, wenn wir von Seiten der Wissenschaft systematische Ansätze bekommen.“ Aus dem Kreis der Teilnehmenden wurde zudem die Bedeutung von Mehrweg betont, insbesondere mit Blick auf Infrastruktur, Finanzierung und kommunale Umsetzung.
Aus der Wirtschaft wurde der Austausch im Rahmen des „Multi-Stakeholder-Workshops zur Diskussion aktueller Entwicklungen im Bereich Kunststoffe“ positiv hervorgehoben. Der gemeinsame Workshop mit Industrie, Wissenschaft und weiteren Stakeholdern habe gezeigt, dass solche Dialogformate Innovationen fördern und Forschungsergebnisse stärker in die Anwendung bringen können. Zugleich wurde betont, dass regulatorische Komplexität Innovation erschweren könne, insbesondere für kleine und mittlere Unternehmen.
Ein weiterer Diskussionspunkt war die Übersetzung wissenschaftlicher Erkenntnisse in Praxis und Regulierung. Dabei wurde betont, dass nicht nur Forschungsergebnisse, sondern auch ihre konkrete Umsetzung entscheidend seien. Produkte müssten systematisch so gestaltet werden, dass sie im Alltag handhabbar sind und Kreislaufführung ermöglichen.
Zum Abschluss dankte Michael Thews, MdB, den Teilnehmenden und hob hervor, dass Industrie, Forschung und Politik gemeinsam an Lösungen für eine funktionierende Kreislaufwirtschaft arbeiten müssten. Produkte sollten von Anfang an so gedacht werden, dass Kreisläufe tatsächlich geschlossen werden können. Die Veranstaltung machte deutlich, wie wichtig der Austausch zwischen Wissenschaft, Politik und weiteren Stakeholdern ist, um Recycling, Mehrweg und Kreislaufwirtschaft stärker zusammenzudenken.